Thomasradeln - Silberregion Karwendel

Thomasradeln

Ein Radel und ein paar Geheimnisse

WENN CHRISTL HÖGER IM NOCKHOF ÜBER TERFENS DAS BACKROHR EINHEIZT, WIRD EINEM WARM UMS HERZ. AUCH WEIL SIE ZU DEN KÖSTLICHKEITEN GESCHICHTE ERZÄHLEN KANN. DIE VOM NIKOLAUS UND DEN THOMASRADELN ETWA, DIE NUR IN DER REGION BEKANNT SIND.

Als Kinder haben wir die Thomasradeln immer zum Nikolaus bekommen. Da hat es am Abend einen guten – oder halt einmal einen anderen – Tee gegeben und wir alle haben Thomasradeln mit Butter gegessen“, erzählt Christl Höger. Es ist schon ein paar Jahre her, dass Christl damals noch zu Hause in Weerberg gespannt und freudig auf den Nikolaus wartete. Dieser „brave Mann“ mit seiner immer beeindruckenden Autorität hat in ihr nicht nur Respekt geweckt, sondern auch eine Vorfreude im Gaumen – eben diese ganz besondere. „Zwischen Lebkuchen, Nüssen und Mandarinen sind die Thomasradeln gelegen. Wenn ich die heute esse, kommt die Erinnerung wieder“, sagt sie.

Wer seine wohlige Heimat oder die schönsten Seiten der Kindheit beschreiben will, tut das nicht selten mit bestimmten Geschmäckern. Der Gaumen muss schon eine Art sensibler Erinnerungsspeicher sein, vermag ein kleiner Reiz doch Bilder lebendig zu machen, die so individuell sind wie die Menschen und ihre Geschichten selbst. Die Thomasradeln vermögen diesen schönen Film nur in der Silberregion auszulösen. Es gibt sie weder im Ober- noch im Unterland, nur hier sind sie bekannt. „Früher haben wir die Thomasradeln in der Bäckerei in Kolsass gekauft. Als die zugesperrt hat, habe ich sie selbst gemacht“, sagt Christl.

Schon herrlich, wenn man so etwas kann – die Zutaten rauszuschmecken, zu erraten, in welchem Verhältnis sie gemischt werden wollen, und letztendlich die damit verbundene Glückseligkeit selbst in die Hand zu nehmen. Auf diese so neugierige wie findige Art und Weise ist es Christl auch gelungen, das Geheimnis der Migala zu lüften, jener „Schwazer Besonderheit mit Korinthen“, die traditionell zu Allerheiligen gegessen wurde und von jenen noch immer wird, die das Glück haben, in der kurzen Zeit ihrer jährlich so limitierten „Backgeschichte“ welche zu ergattern. „Die Bäcker geben das Geheimnis nicht preis. Da habe ich mir gedacht, ich probiere es einfach“, sagt sie mit dem schelmischen Lachen einer echten Backdetektivin, macht aber gleich jegliche Hoffnung zunichte: „Ich verrate das Geheimnis natürlich auch nicht.“ Tja.

Kulinarischer Kalender
Hält man sich wie die Bäuerin am Nockhof hoch über Terfens an die kulinarische Reihenfolge, die der Kalender am Ende eines jeden Jahres rund um Schwaz vorgibt und der unter anderem besagt, dass die Migala den Advent nicht erleben dürfen, sind als Nächstes die Thomasradeln dran. Deren Geheimnis gibt Christl Höger preis und macht damit möglich, dass die Kinder von heute ähnliche Erinnerungen sammeln dürfen wie sie damals am Weerberg.

Christl weiß, was die Masse, die sie liebevoll mit dem Finger in die Schüssel drückt, verspricht. Dort zieht er gerade, der Thomasradel-Teig, und er hat noch nicht die richtige Konsistenz. Das sieht sie nicht, das spürt sie und sagt: „Man darf ihn ruhig zweimal reindrücken.“ Feinporiger macht ihn das. Und dadurch wird die Konsistenz der Thomasradeln, die aus dem Teig geformt und gebacken werden sollen, noch leckerer.

Ein klassischer Germteig ist die Grundlage dieser Radeln. Anis ist das prägende, aber nicht aufdringlich verwendete Gewürz. „Und ich gebe noch Zitronenschalen dazu und vor allem ein bissl Topfen. Das ist mein Geheimnis. Die Zitronenschale ist ein Geschmacksverstärker und der Topfen ist für die Feinheit zuständig. Da bleiben sie länger saftig“, weiß Christl.

Den Teig nennt sie „Baby“ und erst wenn es ihren Fingern gefällt, darf das Baby seiner Bestimmung zugeführt werden. In der Windeseile einer Könnerin formt Christl daraus zwei Stränge, schneidet kleine Stücke ab und formt diese wiederum in knapp 30 Zentimeter lange Nudeln. „Wenn der Teig ein bisschen eigensinnig ist und nicht will, dann lasse ich ihn noch ein wenig liegen“, sagt sie.

Ein Germteig verlangt Geduld. Ihn richtig ziehen zu lassen ist entscheidend. Jetzt aber will er, der Teig, und Christl formt aus den Nudeln zwei gegengleich gerollte Schnecken, die aussehen wie ein S mit eingekringelten Enden. Zwei dieser Doppelschnecken werden nun übereinandergelegt, in ihrer Mitte ein wenig auseinandergezogen – und ab geht es in den Ofen. „Germsachen darf man ja nicht zu lange backen, sonst werden sie zu hart. Die Thomasradeln sollten höchstens 20 Minuten drinnen sein, bei 180 Grad – schön goldgelb sollen sie werden“, sagt Christl und wendet sich dem Herd zu, wo sie ein weiteres Geheimnis vorbereitet: „Ich bestreiche sie, wenn sie noch richtig heiß sind, mit dickem Zuckerwasser. Damit glänzen sie schön und halten auch länger.“ Das hat sie von ihrer Mama gelernt, die mit dem Zuckerwasser auch Buchteln oder einem Zopf den letzten Schliff gegeben hat. Aus dem Backrohr, dessen Tür nur ja nicht während des Backvorgangs geöffnet werden darf, weil die Thomasradeln sonst zusammenfallen, strahlt es golden. „Jetzt sind sie fertig“, weiß Christl, und kaum hat sie es gesagt, werden die Prachtstücke auch schon großzügig mit Zuckerwasser bepinselt – und er darf kommen, der Nikolaus. Gerne darf er das.

Scherzerl für den Schatz
Früher wurden die Thomasradeln am Thomastag (21. Dezember) gegessen – daher der Name. Irgendwann wurde der Thomastag auf den 3. Juli verlegt und irgendwie müssen die Radeln, die nach dem Heiligen benannt wurden, ein paar Tage nach vorne „gerutscht“ sein – hin zum Nikolaus. Zwischen seinem Tag, dem 6. Dezember, und Weihnachten werden traditionell viele Leckereien vorbereitet, die dann auch bei jeder Gelegenheit mit viel Freude in „Hüftgold“ verwandelt werden. Eine Besonderheit hat aber ebenso einen fixen Termin wie die Migala oder die Thomasradeln. „Der Zelten. Er wurde immer am Stefanitag, dem 26. Dezember, angeschnitten. Das Scherzerl hat der Schatz gekriegt“, weiß Christl.

Seit 36 Jahren steht das Scherzerl demnach ihrem Mann Karl zu, der sie vom Weerberg hierher auf die Sonnenseite gelockt hat und sich auch heuer wieder darauf freuen darf: „Den Zelten mache ich sehr gerne. Das Feine an ihm ist, dass man ihn nicht gehen lassen, sondern die geschnittenen Feigen, Nüsse, Rosinen und Dörrbirnen nur über Nacht in Rum und Zucker ziehen lassen muss.“ Nur über Nacht. Nur in Rum. Derart wohlvorbereitet ist es ein Klacks, den Zelten zuzubereiten. Die leicht betrunkene Masse wird rasch mit Mehl und Backpulver, Zeltengewürz, Kaffee und Wasser zu einem viel versprechenden, dicken Teig verarbeitet. Daraus werden Laibe geformt, die mit einem Omelettenteig bestrichen werden. Nach ein paar Stichen mit der Gabel muss der Zelten nur noch in den Ofen. Voilá. Und wieder wird einem warm ums Herz, wenn Christl das Backrohr öffnet und mit zufriedenem Lächeln das Ergebnis betrachtet.

Vom Migala über die Thomasradeln hin zum Zelten – die Tage der speziellen Freuden sind Christl und ihrer Familie sicher. „Man sollte ja nicht immer, das ganze Jahr über alles kriegen“, sagt sie. Stimmt.

Thomasradeln

ZUTATEN:

  • 500 g Mehl
  • 20 g Germ
  • 60 g Zucker
  • 50 g Butter
  • 1 Prise Salz
  • ca ¼ l Milch
  • 1 Ei
  • 1 Eidotter
  • 1 EL Anis
  • 1 Ei zum Bestreichen

ZUBEREITUNG
Aus Mehl, Germ, Zucker und lauwarmer Milch mit ein wenig Mehl ein „Dampfl“ rühren und gehen lassen. Dann die übrigen Zutaten einarbeiten und wieder gehen lassen. Während des Rastens den Teig zweimal zusammendrücken. Zwei Stränge daraus formen, kleine Stücke abschneiden und zwei gegengleich geformte Schnecken einrollen mit einem ca. 3 cm großen Abstand in der Mitte, sodass sie wie ein gekringeltes S aussehen. Zwei dieser Doppelschnecken werden übereinandergelegt, mit den anderen auf ein Backblech gegeben und zwischen 15 und höchstens 20 Minuten bei 180 Grad goldgelb gebacken.

Christls Geheimnis:
Zitronenschalen und ein bissl Topfen in den Teig und die Thomasradeln, wenn sie noch schön heiß sind, nicht mit Ei, sondern mit Zuckerwasser bestreichen.

Zelten

ZUTATEN:

  • 1kg Feigen
  • 500 g Dörrpflaumen (oder gemischt mit Dörrbirnen)
  • 400 g Rosinen
  • 400 g Nüsse
  • 1/8 - ¼ l Milch
  • 250-300 g Zucker
  • 2 kg Weizenmehl
  • 2 Pkg. Backpulver
  • 2 Pkg. Zeltengewürz
  • ca. 0,5-1 l kalter Kaffee mit Wasser gemischt
  • dicker Omelettenteig zum Bestreichen

ZUBEREITUNG
Die Feigen bis zu 3 Stunden einweichen oder aufkochen. Feigen und Dörrfrüchte fein schneiden, Nüsse grob hacken, mit Rosinen, Zucker und Rum vermischen und über Nacht zugedeckt stehen lasse.

Mehl mit Backpulver und Zeltengewürz vermischen, zur Früchtemischung geben und rasch mit dem Kaffee-Wasser-Gemisch zu einem dicklichen Teig verarbeiten. Daraus flott rund 12 runde Laibe formen, auf ein Backblech geben, mit Omelettenteig bestreichen, mit einer Gabel einstechen und bei 180 Grad ca. 60 bis 70 Minuten backen.

Genusszeit

Loas
Schnitzel

Mit jedem Schritt, der auf dem Weg zur Loas gesetzt wird, rückt eine innere Ruhe näher.

Goldgelber
Silbergenuss

Mit den Silberblattlkrapfen verneigen sich die Wirtsleute des Schwazer Traditionsgasthofs …

Goldener
Saft

Bis zu 70.000 Liter Saft entlockt die Obstpresse des Obst- und Gartenbauvereins Schwaz jäh…

Marschall
Bier

30 verschiedene Sorten Bier.

Ofenleber

Kulinarische Glückseligkeit.

Thomasradeln

Wenn Christl Höger im Nockhof über Terfens das Backrohr einheizt, wird einem warm ums Herz.

Da
staunen auch die Bienen

Bestechende Argumente und Geschmacksexplosionen.

Borstenvieh
& Schweinespeck

Wer ihren Hofladen verlässt, ist doppelt gut bestückt - mit herzhaft Gutem und gutem Gewis…