Anklöpfler

Klingende Stille

SIE WECKEN ES. DIESES ADVENTSGEFÜHL, DAS LEICHTER BESUNGEN ALS BESCHRIEBEN WERDEN KANN. MIT DEM „ANKLÖPFELN“ HALTEN DIE SÄNGER DES VOLKSLIEDERCHORS SCHWAZ URALTES BRAUCHTUM LEBENDIG. UND BRINGEN DEN BESINNLICHEN WEIHNACHTSZAUBER ZU DEN MENSCHEN.

Leicht ist es nicht. Echt nicht. Wenn die Adventszeit fortschreitet, stoßen nicht nur diesbezüglich Empfindliche an ihre Grenze – an die Audiogrenze nämlich, sollte es denn so eine geben. Mit dem Pling-Pling-Pling fängt es an, dann fährt der Pferdeschlitten durch den Schnee und von Glück muss hier schon gesprochen werden, wenn es Bing Crosby ist und nicht Donald Duck, der „Jingle bells, Jingle Bells, Jingle all the way“ tönt. Es ist eine Art musikalischer Holzhammer, mit dem die Menschen unserer Zeit darauf aufmerksam gemacht werden, dass bald Weihnachten ist.

Gefühlt startet in den Kaufhäusern schon im Hochsommer die Zeit der Lebkuchen. Die weihnachtliche Konsumdramaturgie spielt sich dann in ebendiesem schnellen Takt und mit den hohen Tönen der unbarmherzigen Glöckchen ab, sodass mit jedem Tag, an dem Weihnachten näher rückt, der Wunsch wächst nach eben der Ruhe und dem Frieden und der Harmonie, für die der Tag, dem alles zustrebt, eben auch steht. Klingt absurd. Ist es auch.

Über die kauforientierte und amerikanisierte Schnelllebigkeit des Advent zu lamentieren, ist längst langweilig geworden. Nie langweilig wird es aber, Wege zu suchen, die ein Weihnachtsgefühl wecken, das weniger mit der Erlösung von dem Klangwahn zu tun hat. Es ist vielmehr eine Sehnsucht nach Langsamkeit und anderen Tönen. Nach jenen, die beim Gehen im knirschenden Schnee entstehen zum Beispiel. Oder nach im Kamin knisterndem Holz. Oder nach Liedern, mit denen ein Klangmantel gestrickt wird, der mollig warm ist und das Herz eine Spur langsamer schlagen lässt. Das ist es, was den Sängern des Volksliederchors Schwaz gelingt, wenn sie in der Weihnachtszeit zum „Anklöpfeln“ ausrücken und die echte Adventsstimmung in die Stuben bringen. Wer sie hört, weiß, dass er den Weg gefunden hat, der das Weihnachtsgefühl weckt.

UNESCO-KULTURERBE
„Wir bringen die Frohbotschaft, die Hoffnung und den Glauben, dass Jesus geboren wird“, sagt Josef Kirchmair. Er ist der Schriftführer des Volksliederchors Schwaz und weiß nicht nur um die schöne Geschichte des 1928 gegründeten Chores, sondern auch um die Wirkung der Männerstimmen, wenn sie aus dem reichen Schatz der Volkslieder schöpfen und im Advent besinnliche Weisen anstimmen. Treten sie zur Weihnachtszeit als „Anklöpfler“ in die Stuben ein, ist es, als würden die Uhren zurückgedreht. Hirten sind sie da, gekleidet in Loden mit Hut, Stock und Laterne. Auch das ist Teil der Tradition, die sie mit Leben füllen.

Das „Anklöpfeln“ wurde 2011 in das Verzeichnis des „Immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO aufgenommen. Damit würdigte die internationale Organisation (UNESCO steht übersetzt für Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) einen Brauch, den es in der Form nur im Tiroler Unterinntal gibt, wo er eben genau das darstellt: Ein Erbe, das nicht angefasst, wohl aber gehört werden kann, das meist von Generation zu Generation weitergegeben wird und der religiösen Alltagskultur der dörflichen Gemeinschaften entspringt. „Die Sänger werden in das Haus gebeten und stimmen dort einige Lieder an, die die Weihnachtsbotschaft von der Geburt Jesu verkünden“, erklärte Joch Weißbacher von den Oberauer Anklöpflern im Antrag an die UNESCO und hielt dort zudem fest: „Das Anklöpfeln wird im Tiroler Unter-
inntal praktiziert und unterscheidet sich in seiner Ausübung vom Salzburger Anglöckeln und dem in Südtirol üblichen Glöckeln.“


TOCKTOCK
Im ehrlichen Licht der Laternen leuchten die Gesichter der Hirten fast geheimnisvoll. Haben sie sich im Halbrund vor der Familie aufgestellt, klopfen sie mit den Hirtenstöcken auf den Boden und geben mit diesem dumpfen „Tocktock“ das Zeichen – für Stille auf Seiten der Zuhörer und stille Weisen auf Seiten der Sänger. Bald wird klar, warum für zahlreiche Schwazer die Adventszeit erst beginnt, wenn die Anklöpfler da waren, schaffen sie es doch, die rasende Welt vor der Tür zu lassen und sich auf das zu konzentrieren, wofür diese Tage im Dezember in Wirklichkeit stehen.

Erstaunlich ist, wie das traditionell zu Beginn angestimmte „Wer klopfet an“ auch bei Kindern wirkt, die vermeintlich zu spät geboren wurden, um sich an Besinnliches zu erinnern. Es wird wohl so sein, dass die alten Volkslieder, die durch die Anklöpfler nicht in Vergessenheit geraten und von Chorleiter Helmut Fürhapter gerne auf der Gitarre begleitet werden, Saiten in den Menschen anzuschlagen vermögen, die weder etwas mit Alter noch mit Herkunft zu tun haben. Ob es nun das bekannte Lied über die vergebliche Herbergssuche von Maria und Josef ist oder „Still, ganz still ist der Winta hiatz kemma“ oder „Lenzei und Loisei“ oder „Geh Hansei pack die Pingei z’sam“ oder, oder, oder ... irgendetwas passiert da mit den Zuhörern. Es muss nicht erklärt werden und auch nicht ergründet. Es ist einfach so. Mit ihren Klöpflerliedern wecken die Sänger des Volksliederchors Schwaz jene Besinnlichkeit, die nicht beschrieben werden kann. Und sie schaffen eine klingende Stille – dem Widerspruch der Worte zum Trotz.